Nachhaltige Verpackungen und CO2-Fußabdruck
Ein niedriger CO₂-Fußabdruck klingt nach einer einfachen Antwort auf die komplexe Frage nach mehr Nachhaltigkeit. Doch gerade in der Verpackungsindustrie zeigt sich: So einfach ist es nicht. Verpackungen müssen Produkte schützen, sich effizient verarbeiten lassen, recyclingfähig sein und zugleich immer strengere regulatorische Anforderungen erfüllen.
Mit der europäischen Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) steigen die Anforderungen an Verpackungen spürbar. Recyclingfähigkeit, Rezyklateinsatz und Ressourcenschonung rücken stärker in den Fokus. Parallel dazu wächst entlang der gesamten Lieferkette der Bedarf an belastbaren Klimadaten. Kunden, Markenartikler und Investoren wollen wissen, welche Emissionen mit einem Produkt verbunden sind. Der PCF wird damit zu einer Kennzahl, die in Einkaufs-, Entwicklungs- und Beschaffungsprozessen zunehmend Gewicht bekommt, jedoch rechtlich (noch) nicht zwingend erforderlich ist.
Auch Koehler Paper hat auf diese Nachfrage reagiert. Das Unternehmen erhält inzwischen regelmäßig zahlreiche Anfragen zu PCF-Daten. Die Bandbreite reicht von allgemeinen Emissionswerten bis zu detaillierten produktspezifischen Angaben. Was früher häufig als freiwillige Nachhaltigkeitsinformation verstanden wurde, entwickelt sich damit zu einem relevanten Entscheidungskriterium.
Der Product Carbon Footprint liefert wichtige Informationen – aber er erzählt nicht die ganze Nachhaltigkeitsgeschichte
Nachhaltigkeitsmanager
Klimadaten entstehen nicht auf Knopfdruck
So groß die Nachfrage ist, so anspruchsvoll ist auch die Ermittlung der Werte. Ein belastbarer PCF ist kein schnell berechneter Durchschnittswert, sondern das Ergebnis einer komplexen Datenerhebung entlang der Wertschöpfungskette.
Um Kunden und Partnern verlässliche Klimadaten zur Verfügung zu stellen, hat Koehler Paper die PCF-Daten für Produkte aus den Werken Kehl und Oberkirch berechnet und zuletzt für das Berichtsjahr 2024 aktualisiert. Berücksichtigt werden dabei verschiedene Produktgruppen, darunter Thermopapiere, flexible Verpackungspapiere sowie Fein-, Dekor- und Selbstdurchschreibepapiere. Die Daten werden jährlich fortgeschrieben. Dabei verfolgt Koehler einen Cradle-to-Gate-Ansatz, betrachtet also die relevanten Prozesse von der Rohstoffgewinnung bis zum Verlassen des Werkstors. In die Berechnungen fließen unter anderem Rohstoffe, Energieverbräuche, Transporte und weitere vorgelagerte Prozesse ein.
Gerade diese vorgelagerten Prozesse gehören zu den größten Herausforderungen. „Nicht für jeden Rohstoff und jeden Lieferanten liegen vollständige, vergleichbare Informationen vor“, betont Kriete. Unternehmen sind deshalb auf die enge Zusammenarbeit mit Partnern angewiesen und greifen ergänzend auf etablierte Datenbanken wie EcoInvent zurück. Diese stellen Durchschnittswerte unterschiedlicher Materialien bereit. Eine gewisse Vorsicht ist dabei immer geboten: „Die Daten bilden die Wirklichkeit nie vollständig ab“, so Kriete. Bei Koehler hat sich die Ermittlung der Werte deshalb längst zu einer interdisziplinären Aufgabe entwickelt. Nachhaltigkeitsmanagement, Einkauf, Supply Chain Management, Energiemanagement und Controlling arbeiten eng zusammen, um eine möglichst belastbare Datengrundlage zu schaffen.
Der kritische Punkt: die Datenlage
Je intensiver sich Unternehmen mit PCF-Berechnungen beschäftigen, desto deutlicher wird: Die eigentliche Schwierigkeit liegt nicht allein in der Methodik, sondern vor allem in der Qualität der verfügbaren Daten. Teilweise müssen Annahmen getroffen oder generische Datensätze verwendet werden. Gleichzeitig beeinflussen Systemgrenzen und methodische Entscheidungen das Ergebnis. Der berechnete Klimafußabdruck spiegelt daher keine exakte Messung, sondern bietet ein Modell, das die potenzielle Klimawirkung eines Produkts im Rahmen definierter Annahmen abbilden soll.
Hinzu kommt: Die Berechnung des PCF erfolgt idealerweise nicht nur einmalig. Rohstoffe, Energieverbräuche, Lieferketten und Datengrundlagen verändern sich fortwährend. Damit Werte aktuell und aussagekräftig bleiben, sollten sie regelmäßig überprüft und fortgeschrieben werden. Gerade deshalb ist ein transparenter Umgang mit Annahmen und Grenzen entscheidend. „Wer PCF-Werte für Materialentscheidungen nutzt, sollte nicht nur auf die Zahl selbst schauen, sondern auch verstehen, wie sie zustande kommt“, hebt Kriete hervor.
PCF ist nicht gleich Ökobilanz
An diesem Punkt wird eine wichtige Unterscheidung deutlich, die in der Praxis häufig unscharf bleibt: PCF und Ök ssen Umweltauswirkungen entlang des Lebenszyklus. Dazu können beispielsweise Ressourcenverbrauch, Versauerung, Eutrophierung (Überangebot von Nährstoffen) oder weitere Umweltindikatoren gehören. Der PCF liefert dennoch eine wichtige Klimakennzahl: Er zeigt, welche Emissionen mit einem Produkt verbunden sind, und hilft, Reduktionspotenziale sichtbar zu machen. Andere Umweltaspekte werden durch ihn jedoch nicht oder nur indirekt erfasst.
Letztlich müssen Verpackungslösungen immer ganzheitlich betrachtet werden. Ein niedriger CO₂-Fußabdruck allein reicht nicht aus, wenn andere Anforderungen nicht erfüllt werden
Nachhaltigkeitsmanager
Für die Erstellung der PCF-Daten berücksichtigt Koehler verschiedene Einflussfaktoren, darunter Rohstoffe, Energieverbräuche, Transporte und weitere vorgelagerte Prozesse.
Warum eine Zahl nicht alles entscheidet
Gerade bei Verpackungen wird deutlich, warum eine isolierte Betrachtung einzelner Kennzahlen zu kurz greift. Eine Verpackung mit niedrigem Klimafußabdruck bildet nicht automatisch die nachhaltigste Lösung. Sie muss auch produktspezifische Anforderungen erfüllen: Schutzfunktion, Maschinengängigkeit, Barriereeigenschaften, Recyclingfähigkeit und Kreislauffähigkeit.
Verpackungen mit ähnlichen PCF-Werten können daher in ihrer ökologischen Gesamtbewertung unterschiedlich abschneiden. Umgekehrt kann ein Material, das beim Klimafußabdruck nicht in jeder Anwendung den niedrigsten Wert aufweist, durch Recyclingfähigkeit, Ressourceneffizienz oder Kreislauffähigkeit Vorteile bieten. Mehr noch: Durch gezielte Forschung lassen sich Materialien wie Papier so gestalten, dass sich ihre Eigenschaften auch positiv auf den PCF des Materials auswirken. „Bei Koehler arbeiten wir intensiv daran, Materialität und Ökologie fortlaufend zu vereinen“, hebt Kriete hervor.
Für papierbasierte Verpackungslösungen spielt die ganzheitliche Betrachtung aus einem weiteren Grund eine besonders wichtige Rolle. Papier basiert auf nachwachsenden Rohstoffen, ist in etablierte Recyclingstrukturen eingebunden und kann in vielen Anwendungen Kunststofffolien ersetzen. Diese Eigenschaften lassen sich jedoch nicht vollständig über eine einzelne CO₂-Kennzahl abbilden. Koehler Paper setzt zwecks größerer Transparenz auch auf sogenannte Paper Profiles, die das Unternehmen mit Daten eigener Messungen erstellt. Darin enthalten sind die CO2-Emissionen des Papiers selbst, aber auch Angaben zu den Auswirkungen nachgelagerter Prozesse wie Druck und Weiterverarbeitung.
Das bedeutet nicht, dass der PCF an Bedeutung verliert. Im Gegenteil:
Er schafft eine wichtige Grundlage, um Klimawirkungen sichtbar zu machen und Optimierungspotenziale zu erkennen. „Entscheidend ist aber, ihn richtig einzuordnen und im Zusammenspiel mit anderen Parametern zu nutzen“, betont Kriete.
Ein Werkzeug für bessere Entscheidungen
Die Bedeutung des PCF wird in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Kunden und Verarbeiter werden detailliertere Emissionsdaten entlang der Lieferkette erwarten. Gleichzeitig dürften Standards und Berechnungsmethoden stärker harmonisiert werden.
Für Unternehmen bietet die Kennzahl die Möglichkeit, Klimawirkungen nachvollziehbar darzustellen und Entscheidungen auf eine bessere Datengrundlage zu stellen. Für die Verpackungsindustrie liegt der eigentliche Mehrwert jedoch nicht darin, eine einzelne Zahl zu optimieren. „Entscheidend ist, Klimawirkung, Ressourceneffizienz, Funktionalität und Kreislauffähigkeit gemeinsam zu bewerten“, resümiert Kriete.
Für Koehler ist der PCF deshalb kein Selbstzweck, sondern ein wichtiges Werkzeug, um die Klimawirkung von Produkten transparent darzustellen und Optimierungspotenziale im Zusammenspiel mit weiteren Kennzahlen sichtbar zu machen. Nachhaltige Verpackungen entstehen damit nicht durch den niedrigsten CO₂-Wert allein. Sie entstehen dort, wo ökologische Wirkung, technische Machbarkeit und Kreislauffähigkeit zusammenkommen.